Vortrag: „Geht die deutsche Sprache vor die Hunde?“

Nun geht das reguläre Lionsjahr wieder los. Gestern konnten wir Prof. Rudi Keller von der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf bei uns begrüßen.

Der Vortrag begann mit etwas Statistik:

  • Weltweit zählt man ca. 8.500 Sprachen, von denen 2.000 verschriftlicht sind und 800 vom Buchmarkt adressiert werden.
  • Deutsch steht auf Platz 11 der am häufigsten gesprochenen Sprachen.
  • In Deutschland sind vier weitere Sprachen offiziell anerkannt: Friesisch, Sorbisch, Dänisch und Sinti, was von 60-80.000 Menschen gesprochen wird. Außer Dänisch sind alle diese Sprachen rückläufig.

Im weiten ging es um den Veränderungsprozess innerhalb einer Sprache.

  • Alle romanischen Sprachen sind verrottetes Latein.
  • Auch die Orthographie ändert sich; und was passiert, wenn man dies verhindert, sieht man an der englischen Sprache. Hier entfernt sich die Aussprache immer weiter von der Schriftsprache (Beispiel: „Knight“).
  • Die Beeinflussung aus anderen Sprachen hat es immer gegeben, insb. durch politische oder ideologische Vormachtstellung. Vornan stehen Englisch (Angelsächsisch und Französisch, „beef“ vs. „veal“) und Spanisch (Latein / Arabisch, z.B. „aceite“ vs „oli““).
  • Dass Anglizismen die deutsche Sprache okkupieren, ist nicht erwiesen. Vor 100 Jahren dominierten französische Fremdwörter, von denen die meisten inzwischen wieder verschwunden sind.

Sprache ändert sich durch „artikulatorische Faulheit“ („e(i)n-amber„ -> „Eimer“, „zuo-amber“ -> „Zuber“), durch Abschwächung „starker“ (unregelmäßiger) Verben, die immer mehr regelmäßig konjugiert werden („hat gewinkt“ vs. „hat gewunken“ oder „schrauben, schrob, vgl. verschroben), durch kognitive Ökonomie (dass man sich versteht), durch Analogiefehler („des Morgens, des Nachts).

Aussagen der Form, dass früher die deutsche Sprache „deutscher“ oder die Zeichensetzung „richtiger“ gewesen sei, ließ Prof. Keller nicht gelten, da sie empirisch nicht nachweisbar seien. Sein Augenmerk gilt dem Veränderungsprozess und dessen Wurzeln, aber eines war für ihn klar: Sprache verändert sich bzw. passt sich an. Die gesprochene Sprache macht die Sprache aus, und „die systematischen Fehler von heute sind die Ausnahmeregeln von morgen“.

Die Bemühungen um eine gendergerechte Sprache und insgesamt die Versuche, die (deutsche) Sprache bewusst zu verändern, sah er gelassen: Vieles würde sich nicht durchsetzen, weil es nicht gesprochen wird (Airbag – Luftsack) oder gesprochen werden könne (Studenten*innen). Dass dabei auch manchmal etwas falsch läuft, muss man in Kauf nehmen (ein Deutscher / eine Deutsche vs. ein Beamter/eine Beamtin). Und dass man nicht völlig ohne generische Begriffe auskommt, zeigt der Ausrutscher „X% der Mitarbeiterinnen waren Frauen.“ Nur bei den Sinti und Roma blieb er streng. Wenn man (eher ungefragt gegenüber der Zielgruppe, die sich weiterhin selbst als „Zigeuner“ sieht) unbedingt „korrekt“ sein wolle, dann bitte richtig: ein Sinto und ein Rom.